Situation

Es sind heute genau 76 Tage vergangen, seit dem Unfall. 76 Tage sitzen oder liegen oder mit Krücken wenige Meter hüpfen. Viel alleine zu Hause rumsitzen. Highlights sind Geschirr abwaschen und 2 mal die Woche Physio zu Hause. Ab und zu holt mich jemand ab. Wir machen was. Aber es ist fremd für mich. Ich hasse es abhängig zu sein, auch von Freunden, besonders aber von der Familie.

Ich glaube ich brauch nicht erwähnen, was das für eine Scheiße ist (und das ist noch milde ausgedrückt).

Nun sind Gefühle und Emotionen ja nicht auf der Piste mit dem Beinbruch gestorben. Und so überrennen sie mich mich inzwischen immer wieder. Traurigkeit gepaart mit Wut, Selbsthass, Angst und Einsamkeit. Und da ich solche Gefühle wie Traurigkeit immer noch abwürge mündet das – wie das bei Borderline ja oft so ist – in impulsivem Handeln. Ich hab ja nicht viele Ventile um Gefühle rauszulassen, aber die, die ich habe, funktionieren nicht. Nicht einmal die dysfunktionalen. Denn ich kann auch nicht mal wie sonst halt am Wochenende mal wieder richtig „einen drauf machen“. Das Rauchen habe ich für 66 Tage aufgehört, aber wieder anfangen müssen. Ich wäre sonst leider ausgeflippt hier. Sport geht nicht. Von meinen mir bekannten, wirksamen Methoden ist leider nur Schokolade, Rauchen und in die Wand schlagen übrig geblieben. Und da ich die Wand nicht weiter zerstören will und meine Hände im Moment mehr brauche denn je muss es Schokolade und Nikotin richten. Mich quasi über die Zeit retten.

Da mein Wille, die Lust und der Sinn am/des Lebens grad in weite Ferne gerückt sind bin ich froh, dass der Orthopäde mir kein Oxycodon oder Morphium gegeben hatte. Denn das würde ich mir sofort reinpfeifen, einfach um mich gut zu fühlen. Im Moment wäre es mir völlig egal. Das zeigt mir, dass die Ampel dabei ist von gelb auf rot zu springen.

Ich weiß nicht wie lange es noch dauert, manchmal glaube ich, ich kann gar nie mehr gescheit laufen, aber ich versinke langsam aber stetig im emotionalen Chaos. Der innere Druck ist massiv im kritischen Bereich und ich weiß nicht wie ich ihn senken kann 😦

Sozialphobie

Ich bin schon Wochen – inzwischen kann man sogar „Monate“ sagen – von der Welt abgeschnitten. Außer Freunde, paar Kollegen und Eltern hab ich niemand gesehen. Ich nehme nicht Teil an diesem „Leben“. Am Alltag. Ich lebe das Leben, das zu meinem Gefühl passt. Alleine. Heute wäre die Chance da gewesen, mich mit meinem Bein mal wieder in die Gesellschaft zu bringen. Doch das Bein wollte nicht. Eigentlich wollte ich nicht. Denn mit dem Bein wäre es vielleicht, unabhängig von den üblichen Scherereien mit gebrochenem Schien- und Wadenbein, gegangen. Aber ich merke, dass ich eigentlich nicht wollte. Denn ich hatte Angst.

Angst vor vielen Menschen so plötzlich. Angst davor, dem feiernden seine Aufmerksamkeit zu nehmen. Angst davor 50+ Menschen zu erzählen wie es mir geht. Angst davor nicht ehrlich zu sein. Der Gedanke daran, so viele Kollegen auf einmal zu treffen obwohl ich noch etliche Wochen im Krankenstand sein werde hat mir Angst gemacht. Und so habe ich  mein Bein vorgeschoben um jetzt wieder das mir so vertraute Leben zu führen. Alleine, einsam, zufrieden und unzufrieden zugleich. Das hab ich mir wieder schön vermasselt. Aber neben den physischen Schwierigkeiten im Moment sind die psychischen ja nicht verschwunden. Andernfalls wäre der Beinbruch das 100 mal Wert gewesen…..

Alles Gute und genieß dein Tag!

Ich bin ja kein Fan von Floskeln, ich bin auch kein Fan von Geburtstagen, schon gar nicht von meinem. Überhaupt nicht. Nun leider war es mal wieder soweit. Und dieses Jahr ist der Geburtstag wieder ein Leckerbissen der ganz besonderen Art.

„Alles Gut zu deinem Jubeltag.“ „Genieß dein Tag!!!“, sind in der Regel die Zeilen die man heutzutage vielfach geschickt bekommt. Und nein ich genieß den Tag nicht. Ich kann Geburtstage nicht genießen.  Dafür waren die früher zu traurig und oft wenig fröhlich. Schon gar nicht an einem, der gleichfalls der 45. Tag ist, an dem ich einfach nichts, rein gar nichts machen kann, ich zu Hause rumhänge (respektive im Krankenhaus anfangs) und ich milde gesagt am massiven Hüttenkoller leide. Es ist der Tag den ich an nicht wenigen Tagen im Jahr seit meiner Geburt verfluche. Es ist der Tag, ein Tag nach dem mir der Orthopäde offerierte, dass ich aufgrund des gebrochenen Beines nochmal Rund 2-3 Monate zu Hause respektive in einer Reha abhängen darf. Der Tag, an dem ich mal wieder realisiere was das wieder alles für ein Rattenschwanz mit sich bringt. Der Tag an dem mir das mal wieder alles zuviel wird. Der Tag, der mich wieder mal mit Gefühlen überflutet. Der Tag an dem ich bei kleinsten Problem die Krücken in die Ecke schmeiße und tränen in den Augen bekomme. Der Tag, an dem ich Anrufe eigentlich gar nicht entgegennehmen will, weil ich die Frage „wie es mir geht“ ehrlich beantworte und wiederum min. feuchte Augen bekomme.

Nein, ich genieße diesen Tag so rein gar nicht und ich will es auch gar nicht versuchen.

Zum Glück gibt es Freunde, die zwingen einen dazu. Dann klappt es nicht so ganz, aber immerhin

Variationen von Ostern

Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich sich Krankheitsbilder ausdrücken im sozialen Umfeld. Letzte Ostern gestalteten sich wie folgt: Kein Mensch im Freundeskreis war in der Stadt. Alle waren bei ihren Familien über Ostern. Meine Familie war im Urlaub. Geschlossen. Ohne mich. Ich will aber anderseits auch nicht. Da die Familie auf gewisser Ebene keine ist. Ich habe besonders Karfreitag und Karsamstag schwer unter Einsamkeit gelitten und musste gucken, dass ich nicht untergehe, im Chaos und der Panik dabei versinke. Aber: keine Sau hat es interessiert.

Diese Ostern wird es exakt das selbe sein. Keiner ist in der Stadt, ich bin in der Wohnung gefangen, werde aller Voraussicht nach alleine sein. Kann nicht mal selbst in die Stadt um wenigstens in meine Stammkneipe zu gehen und paar Leute dort treffen, die sich selbst eine Familie sind. Aber ich habe ein gebrochenes Bein und Krücken, deswegen findet es jeder Schade, schlägt Lösungen vor etc.

Dabei ist es ein Ostern wie jedes andere, zeigt aber mal wieder ganz gut den Unterschied zwischen physischen und psychischen Krankheiten. Dabei ging es mir letzte Ostern erstmal definitiv schlechter. Glücklicherweise braucht man keine Krücken wenn man sein emotionales Chaos an sich selbst auslässt.

Wut

Geduld ist ne Tugend. Ne Tugend, die bei mir nicht besonders gut ausgeprägt ist. Und so bin ich zwar auf dem Weg der Genesung – was das gebrochene Bein angeht – aber ich merke, dass wieder „was nicht passt“. Ich habe auch gemerkt, ich habe die letzten Tage/Wochen kaum wahr genommen habe, wie ich mich eigentlich wirklich fühle. Schmerzen hier und da hab ich zur Kenntnis genommen ja. Aber eben nur Bein, Rücken, Arsch.

Und so merke ich wieder, dass ich eigentlich ziemlich traurig bin irgendwo in mir. Denn wenn was nicht klappt wie ich will – und sei es nur eine Kleinigkeit-  dann reagiere ich sehr schnell wütend und impulsiv. Bilanz aus einer Woche versteckte Traurigkeit: Eine kaputte Steckdose, ein kaputter Mülleimer, eine kaputte Box zum Aufbewahren und ein leicht kaputter Stuhl.

Und eigentlich sind das auch Situationen, die wieder skurril sind. Mit gebrochenem Bein sind Schwierigkeiten z.B. beim Staubsaugen zu erwarten. Vermutlich würden normale Menschen nicht mal Staubsaugen in meiner Situation. Da fehlt dann die Geduld. Es muss ja besser gehen jetzt. Und wenn der Stecker dann nicht schnell wie ich mir das vorstelle aus der Dose will, dann ist die Dose halt kaputt. Was macht die Dose auch so ein Terz!!!! 😦

Ich sollte mal wieder auch meine anderen Baustellen durchleuchten, habe im Moment aber wenig Ressourcen dafür übrig 😦

Betreute Dysfunktionalität

eigentlich hatte ich mir vorgenommen, dysfunktionales Verhalten in Form von Sucht- und Betäubungsmittelmissbrauch abzulegen. Hab ich auch soweit. Nun war ich im Krankenhaus. Dort hab ich harte Drogen bekommen. Schmerzmittel. Deren schmerzstillende Wirkung doppelt so hoch wie die des Morphiums liegt, kurz vor Heroin (laut Wikipedia). Und was soll ich sagen? Ich musste das nehmen. Und ich kann richtig verstehen wieso Menschen von sowas abhängig werden. Denn auch wenn man mit nem quasi zerstörtem Bein und emotionalen Chaos im Krankenhaus liegt, fühlt man sich körperlich als auch psychisch mit einmal tief entspannt, einfach gut.

Vielleicht sollten sie nach der Frage „irgendwelche bekannten Allergien?“ auch noch die Frage „Suchtgefährdeter Borderliner?“ stellen. Ich werd das nächstemal in der Notfallambulanz vorschlagen….

Höchststrafe

Für mich ist „abhängig“ zu sein eine absolute Höchststrafe. Nun ist Tag 8 im angebrochen (fast schon ein Wortwitz! 😉), an dem ich im Krankenhaus geweckt werde. Morgens. Um 5:50 Uhr. Wo ich noch heute nicht verstehe wie man da genesen soll. Egal anderes Thema. Jedenfalls bin ich seit 8 Tagen also in höchstem Maße auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Für mich eine Höchststrafe. Denn vom Gefühl her bin ich ja eine Last für alle. Und so möchte ich nicht wissen wie oft ich schon keine Hilfe geholt habe oder abgelehnt habe hier von Menschen, deren Aufgabe es ist anderen zu Helfen, die das vermutlich gern machen. Ich glaube auch, ich könnte schneller genesen wenn ich da mehr für mich tun/einfordern würde. Und so übernimmt das Gefühl „die wollen mich loswerden“ zunehmend denken und langsam auch handeln. Abhängig sein. Furchtbar! 😞