Depris, Pro und Cons

Depressionen haben Vor- und Nachteile.

Vorteil, Depressionen unterbrechen die Phasen, in denen Borderline aktiv ist. Zumindest gefühlt. Und Depressionen sind deswegen ehrlich gesagt weniger anstrengend. Weil die Gefühle zwar scheiße sind, aber immerhin konstant scheisse.

Nachteil, es sind Depressionen. Und somit ist eigentlich alles andere ein Nachteil. Und die dunklen, durchweg schlechten Gefühle bieten auch wenig Antrieb. Borderline nährt sich oft von Wut. Wut ist zwar ätzend und anstrengend, aber auch ein aktives Gefühl, das einen handlungsfähig macht. Depressionen machen einen definitiv NICHT handlungsfähig.

Und wozu man während einer Depression auch neigt, alle Möglichkeiten sich selbst runterzuziehen auch brav zu nutzen. Und so schwirren mir heute die ersten zwei Zeilen des Placebo Songs „Song to say goodbye“ im Kopf im Dauerschleife herum

You are one of God’s mistakes
You crying tragic waste of skin“

Neues Jahr neues Glück

Hallo an alle,

ich wollte mich mal melden, der letzte Beitrag ist ja nun etwas her schon. Erstmal noch ein frohes neues Jahr, ich hoffe, dass alle die hier ab und an mitlesen gut in das neue Jahr gekommen sind. Ich hatte sehr viel zu tun vor Weihnachten und war zeitgleich auch ziemlich erschöpft und urlaubsreif (der letzte Urlaub ist Ende Juli – Anfang August gewesen o.O). Da ist mir selbst das Verfassen eines Blogbeitrages zu anstrengend. Oder ich vergesse das dann auch oft. Das betrifft leider auch häufig private Kommunikation via mail mit einigen, ich hole das aber noch nach 🙂

Was ist denn alles so passiert?

Praktischerweise hab ich wieder ein Therapieplatz wie es aussieht. Eine Therapeutin, die erst im letzten Jahr eine Praxis neu aufgemacht hatte und noch nirgends groß „auffindbar“ war im Internet, war zum Glück noch nicht so überrannt, wie alle anderen Therapeuten („Leider habe ich im Moment auch keine Warteliste weil es zu viele Anfragen sind“, manche von euch kennen diese Antwort sicher 😦 ). Kurz vor Weihnachten hatte ich mein Erstgespräch dort. Ich war entgegen meiner Erwartung echt nervös davor. Mir war auch klar, wenn das nicht passt, dann hab ich niemand im Moment. Und obwohl ich schon 10 Jahre + Therapie mache (ok, jetzt seit der Klinik nicht da die Sperre der KraKa noch lief und ich dann jetzt doch lange suchen musste), hat die Pause diese Routine der Therapiesitzungen echt weggespült. Glücklicherweise war das Erstgespräch eigentlich gut und sie meinte, ich komme auf die Warteliste, sie kann aber nicht versprechen, dass es nicht ~2 Monate dauert. 2 Monate, ab vor Weihnachten. Das ist quasi nichts, wenn man die Wartelisten von Therapeuten sonst kennt ;-). Gleich im neuen Jahr schrieb sie mir eine Mail, dass sie jetzt ein Platz frei hat, dazu zu einem top Zeitpunkt (mit Arbeit ist das manchmal bisschen suboptimal). Jetzt war ich schon zweimal dort und es scheint wirklich ok zu sein. Allerdings dienen die probatorischen Sitzungen auch für Organisatorisches und zum Abfragen der Anamnese, Diagnosestellung, Biografie etc. Die letzten Monate hatte ich dabei wieder eher mit Verdrängung gearbeitet (wenig sinnvoll!) und jetzt merke ich, dass es doch immer wieder nicht so leicht ist, sich mit sich auseinanderzusetzen. Kognitiv wenig überraschend, aber ich bin dann doch jedes mal auf’s neue überrascht, dass man sich davon nicht wirklich distanzieren kann, weil es ja um einen selbst geht. Naja jedenfalls denke ich, dass die Diagnosen soweit die selben bleiben und die von mir vermutete Soziale Phobie hinzukommt. Jetzt denke ich werde ich die Therapie hier auf jeden Fall mal anfangen und mal schauen, vielleicht auch nochmal ein Klinikaufenthalt beantragen, da die Reha-Klinik empfolen hatte, ich solle in 2 Jahren nochmal zur Auffrischung 3 Monate DBT machen. Damit wären die nächsten Jahre Therapie mal halbwegs gesichert. Yaaaay! 😀

Weihnachten war ja auch noch. Der interessierte Leser weiß, ich hasse Weihnachten. Und meine durchaus merkwürdige Familie hat es auch wieder geschafft, mich irgendwie von Weihnachten auszuschließen. Was ich von der Art und Weise her ziemlich traurig und ja… „typisch“ für meine Familie finde, aber da ich Weihnachten hasse war mein heutiges Ich auch ziemlich froh darüber. Denn so hatte ich meine Ruhe an heilig Abend und konnte relaxed TV gucken und tun und lassen was ich wollte 🙂 Und die anderen Tage auch. Und davon abgesehen bin ich sowieso überzeugter Atheist, das heißt das einzige was mir die Feiertage bedeuten ist, dass ich Urlaubstage spare 😉

Was mir zuletzt aufgefallen ist, weil sie gehäuft auftreten, dass ich durchaus oft von Alpträumen nachts aufwache. Kommt mir eigentlich schon bekannt vor, mir war das aber noch nie aufgefallen und ich dachte auch nie, dass es sich um Alpträume handelt sondern ich dachte halt „oh heute hab ich aber wirr geträumt“. Aber das sind wenn man es mal genau anschaut lupenreine Alpträume. Traumtische Erlebnisse in der Kindheit machen das auch plausibel. Und vermutlich treten die wegen der oben genannten Verdrängung der psychischen Probleme in den letzten Monaten gehäufter auf, weil die Problem ja noch da sind 😦

Und da fällt mir noch was ein zum Thema psychosomatisch. Und zwar hab ich im Hinblick auf mein Problem mit dem Harndrang, was ich der Soziale Phobie zuschreibe einen interessanten Artikel gelesen. Der handelte von „psychosomatischen urologischen Störungsbilder“ und ich zitiere mal daraus:

Viele dieser Störungen gehen mit chronischen Verspannungen der Becken- und Abdominalmuskulatur einher. Diese muskulären Verspannungen werden von psychischen Affekten wie Wut, Ärger und Angst ausgelöst. Hierfür gibt es sowohl unmittelbare als auch tieferliegende Auslösemechanismen. Bei den psychosomatischen urologischen Störungen besteht eine hohe Komorbidität mit anderen psychosomatischen Krankheitsbildern.

Könnte passender kaum sein 😦 Vor allem weil ich zur Kenntnis nahm, dass dieser plötzliche Harndrang, bei genau diesen Gefühlen auftrat, Wut, Ärger und Angst. Doofe Kombination mit Borderline (Wut, Ärger) und sozialer Phobie (Angst). -.-

Sonst läuft alles halbwegs, erstaunlich allerdings, wie schnell nach 2 Wochen Urlaub die Motivation und Energie wieder nahe Null sind (Spoiler: nach einer Woche arbeiten). Das beschäftigt mich doch auch ziemlich. Auch vor dem Hintergrund, dass ich unbewusst sehr nervös bin, was beim GdB Widerspruch und dem VdK so rauskommen wird.

Soviel mal was es neues gibt.

Update GdB

Ich habe heute einiges gelernt. Nämlich, wer ein GdB will muss nicht krank sein, sondern maximal oft zum Arzt rennen. Versteh ich zwar nicht, aber die Anzahl an Behandlung wird nach meinem Eindruck deutlich höher gewichtet, als der Grund.

Weil ich nicht regelmäßig zum Psychiater renne (das übrigens ist ja genau ein Problem meiner psychischen Schwierigkeiten, ich will niemand zur Last fallen, deswegen gehe ich möglichst selten zum Arzt), liegt bei mir kaum eine Einschränkung vor. Aha. Wer also regelmäßig zum Arzt rennt ist krank. Jemand der sich aber z.B. zu Hause hin und wieder mit Schnitten in den Arm selbst verletzt weil er die innere Anspannung nicht aushält, deswegen aber „aus Gründen“ nicht zum Arzt geht ist recht gesund. Sehr objektive und fachlich einwandfreie Beurteilung, die das Landratsamt da vornimmt.

Naja immerhin legt der VdK mal Widerspruch ein und schaut sich an, was die Unterlagen hergeben. Das Problem, dass ich nicht in Therapie bin und nicht von Arzt zu Arzt renne bleibt aber. Na gut, dass ich kommende Woche wenigstens ein Erstgespräch habe bei einer Therapeutin.

GdB

Es ist schon echt ätzend einen Antrag für ein GdB zu stellen. Das ist ja kein Geheimnis, das kann man echt überall lesen und ich glaube den „Opfern deutscher Bürokratie“ das auch direkt. Bzw. hatte es geglaubt. Trotzdem ist es immer noch eine Spur ätzender das selbst alles zu erfahren.

Kurze Historie: Im Sommer 2019 hatte ich ein Erstantrag gestellt. Im Februar bekam ich eine Ablehnung meines GdBs. Ich legte Widerspruch ein und forderte die wesentlichen Unterlagen an, auf welcher die Ablehnung basiert. Welche (wie ich heute durch den VdK weiß) man aber sowieso nicht bekommt. Das wird einem aber nicht gesagt. Also kam irgendwann die Ablehnung meines Widerspruches. Zu dem Zeitpunkt brach aber zum einen Corona auch noch aus, zum Anderen residierte ich bereits in der Klinik. Dort berichtete ich von der Ablehnung des GdB schon im Aufnahmegespräch, worüber sich der Oberarzt ärgerte und es kaum glauben konnte. Es wurde mir geraten nach der Reha unbedingt einen neuen Antrag einzureichen. Dies Tat ich dann auch im November letzten Jahres.

Ok, und seit da schwebt die erneute Ablehnung wie ein Damokles-Schwert über meinem Kopf. Nichts Triggert mich härter als Ablehnungen. Und bis heute keine Rückmeldung vom Amt. Aus Angst, dass der Antrag nie ankam, traute ich mich nie anzurufen, bzw. habe es „Freud’sch vergessen“. Heute brachte ich mein gesamten Mut auf und rief im Amt für Rehabilitation mal an. Dann war ein immerhin erst mal freundlicher Herr dran, der sich meiner annahm. Das Gute, mein Antrag war eingegangen. Aber dann geht’s schon los. „Die Weiterbearbeitung ist irgendwo in der EDV hängen geblieben“, „Die Kollegin die für die zuständig ist, ist immer mal wieder ausgefallen“ etc. Ich hörte dann zwischendurch raus, dass das meiste Wohl seit Januar eigentlich da war (Berichte der Ärzte etc.), aber dann ist es halt „in der EDV hängen geblieben“. WIE KANN WAS IN DER EDV HÄNGEN BLEIBEN, DAS SO WICHTIG IST?

Ich musste schon schwer inne halten und konnte schon gar nix mehr sagen. Ich war schon bei der ersten Ablehnung im Februar 2020 so unendlich wütend (was in der letzten Selbstverletzung vor der Reha gipfelte! Oder wie das Amt es nennt, „Dem Alter entsprechend typisches Verhalten und keine Abweichung vom entsprechenden Normalzustand“. Ende letzten Jahres gab’s nochmal ein paar ganz böse Wochen mit SVV, Verhalten nicht weit weg von su*z*d*l und eine fast Selbsteinweisung in der Psychiatrie. Aber klar, da kann auch so was erstmal abgelehnt werden weil normal und dann einfach „in der EDV stecken bleiben“.

Ok er wird das jetzt in die Wege leiten, dass das jetzt schnell bearbeitet wird. Was das heißt ahne ich auch. Noch dazu dann diese Frage wo ich mich auch schon wieder aufregen könnte, „waren sie denn dieses Jahr noch in Behandlung?“ (schön wärs, aber ich finde keinen Therapieplatz -.-) und die Feststellung „die Berichte sind ja alle schon älter“. ÄH HALLO?! Ich reiche 2020 (<—!!!!!!!) die Änderung ein, die dann ab JANUAR 2021 „IRGENDWIE IN DER EDV HÄNGEN GEBLIEBEN IST“ und muss mir dann anhören, dass die Berichte alle bisschen älter sind und 2021 (<—!!!!!!) ja nichts dabei ist. Wie dumm sind eigentlich Ämter?

Ich hätte nicht anrufen und nachfragen sollen, jetzt bin ich wieder völlig aufgelöst, könnte alles kurz und klein schlagen. Ich weiß jetzt schon, dass ich eine weitere Ablehnung bekomme mit der Begründung, dass es mir 2021 ja gut ging, weil ich 2020 keine Berichte von 2021 einreicht hab. Also die einzig berechtige Frage hier ist, wer ist hier eigentlich behindert!

Alltagsdinge

Heute sind mir wieder zwei interessante Mechanismen im Alltag aufgefallen. Das erste bezieht sich auf das Thema lesen, das andere auf meine nun mehrfach thematisierte (noch selbst diagnostizierte soziale Phobie).

Lesen:

Ich unterhielt mich heute mit einer Kollegin ich weiß gar nicht mehr über was genau, jedenfalls kamen wir auf Harry Potter. Und das Thema lesen. Und ich hasse beides. Gut, Harry Potter irgendwie unbegründeterweise, zumindest weiß ich nicht wieso ich eigentlich Harry Potter doof finde. Aber lesen mochte ich noch nie. Und Leute die viel lesen sind mir suspekt. Und ganz drin in mir, hab ich sogar eine ablehnende Haltung gegenüber diesen Personen. Was natürlich völliger quatsch ist und die Kollegin ist sehr nett. Und das sage ich nicht nur, weil es auch pro forma meine Chefin ist 😉
Und ich habe dann gemerkt wieso das so ist. Als sie sagte, sie habe damals ihrem Sohn vorgelesen. Ja das macht mit richtig wütend. Und damit wäre auch alles aufgedeckt. Diese Prinzip von „was vorgelesen bekommen“ ist mir nämlich gänzlich unbekannt. Deswegen kenne ich auch im Grunde kein einziges Märchen. Und deswegen habe ich nie Zugang zum lesen bekommen. Die Anzahl an Bücher, die ich freiwillig zu Ende gelesen habe bis heute, die kann man an zwei Händen abzählen. Und ich glaub dass eben die Tatsache, dass bei mir nie jemand da war, der mir mal was vorgelesen hätte oder selbst wenn es jemals eine schöne Situation gewesen wäre, die mich mit lesen hätte was schönes verbinden lassen macht mich traurig. Und da ich immer wütend werde, wenn ich traurig werde, muss ich in so einem Gespräch eben wieder eine Rolle schauspielen.

Soziale Phobie:

Heute hat eine Kollegin, die jetzt das Unternehmen verlässt geschrieben, dass sie eben geht etc. und Kekse und Kuchen oben hingestellt hat. Mit ihr hatte ich absolut nichts zu tun. Und das ist mir dann unangenehm. Ich traue mich nicht mal in den Sozialraum zu gehen um mir Kaffee zu holen, weil ich nicht in diese Situation geraten will diesen small-talk führen zu müssen. Dabei könnte mir das so egal sein und eigentlich passiert ja nix. Nichtmal wenn ich unhöflich anmutend aber einfach nur Kaffee hole und mich gar nicht dazu setze. Aber ja, was soll ich sagen, soziale Ängste sind bei mir schon irgendwie real ;-(

Naja irgendwie heute psychologisch sehr auf Zack. Aber das war’s heute auch sonst mit „auf zack sein“.

Depression und Angststörung

Nach dem ich mir ja vor ein paar Wochen Gedanken zur Soziale Phobie gemacht habe, habe ich jetzt noch was interessantes gesehen. Ein Video, das sich „Depression und Angst, ein Teufelskreis“ (OV: „Depression and anxiety, a deadly cycle“ Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=h1OyqMcKLps ) nennt. Und ich habe den Eindruck, nach wirklich vielen Jahren Therapie und etlichen Diagnosen später bin ich langsam bei den finalen Diagnosen angelangt. Ok, Borderline kann man durchaus mal als gesichert betrachten, Depressionen auch. Aber es fehlte immer was im Bunde. Bisher war Dysthymie für mich hoch im Kurs. Möchte ich auch nicht ausschließen. Ich glaub jeder hat eine gewisse depressive Grundstimmung, die im Grunde chronisch ist, wenn man das Prinzip Freude nie kennen lernen durfte in den früheren Jahren. Aber das erklärte nie diesen massiven inneren Konflikt in mir. Der sich immer so dermaßen gegensätzlich anfühlt und verhält. Und ich glaube mit der sozialen Phobie als eine Art der Angststörung kann ich das Tripple (ohne Dysthymie „nur“ das Duo) komplettieren. Es macht auch wirklich extrem viel Sinn, welche Aussagen in diesem Video gegenübergestellt werden. Quasi Verhaltensweisen von der Depression und der Gegenspieler dazu, der direkt aus der Angststörung resultiert. Ich möchte hier mal einige aufzählen und übersetzen, vor allem die, die bei mir wie die Faust auf’s Auge passen.

Du kümmerst dich um alles, aber alles ist dir scheißegal.“
Du bist einsam und isoliert, aber Gesellschaft ist zu überwältigend.“
„Tagsüber bekommt man nichts hin weil man müde ist und nachts kann man nicht schlafen weil man über nachdenkt, was man tagsüber alles nicht hinbekommen hat. „(Gekürzt)
„Angst sagt, ‚du musst aufstehen und kämpfen,‘ Depression sagt, ‚du hast schon verloren‘.“
„Du wachst morgens auf und achtest auf alles, während du realisierst, dass eh alles egal ist.“
„Angst sagt dir, ‚du musst was tun um im Leben nicht hinten dran zu sein‘, während Depression dir sagt, ‚dass du wertlos bist und es sowieso nichts bringt‘.“
„Du bist einsam, aber du WILLST allein gelassen werden.“
„Du hast Angst, dass Menschen dich verlassen wenn du nicht mit ihnen sprichst, aber die Depression lässt dich nicht mal antworten.“
„Angst lässt dich zu viel essen, Depression nimmt dir gleichzeitig den Appetit.“
„Du bist erschöpft, aber ruhelos.“
„Depression macht es dir unmöglich eine helle Zukunft zu zeigen und Angst lässt dich denken, dass dort nichts außer Gefahr liegt.“
„Du hast Angst vor dem Tod, aber willst dass der Schmerz aufhört.“

Das ganze schließt dann mit folgendem Satz und dieser könnte mein Leben nicht besser beschrieben. Und das in nur einem einzigen Satz!

Es ist, als würde man ständig aus dem tiefsten Dunkel in das brennende Sonnenlicht gezerrt und anschließend wieder zurück in die Dunkelheit geworfen werden, wobei man sich jeden Tag seines Lebens an die sich verändernde Landschaft anpassen muss.

Das ganze noch überlagert mit Borderline Triggern, Mechanismen und Symptome und man hat 1:1 mein inneres Leben und meine Gefühlswelt.

Kritik, Borderline und die Stimmung

Ich stelle jüngst wieder fest, dass eins bei mir auch so sicher wie das Amen in der Kirche ist. Wenn ich Kritik bekommen wird es schwer. Natürlich geht jeder anders mit Kritik um, dann kommt meistens auch das gesellschaftskonforme Rumgefloskel „jaaa, Kritik ist wichtig, konstruktive Kritik bringt einen weiter, ich bekomme gern konstruktive Kritik“. Blah, blah, blah!

Ich behaupte, niemand bekommt gern negative Kritik (es geht hier im Kritik im Sinne von „kritisieren“, was i.d.R. negativ gemeint ist. Natürlich gibt es auch positive Kritik). Weil für jeden ist sie erst einmal….. zumindest ernüchternd.

Aber bei Borderliner stößt dieser erste Kontakt mit der Kritik was an. Eine Lawine. Und dann erholt man sich nicht mehr davon. Und das ist das Fatale. Und bei mir ist es umso Fataler, dass ich 90% meiner Energie darauf verwende, keine Fehler zu machen. (Zur kurzen psychosozialen Rekapitulation: Fehler von mir ==> negative Auswirkungen auf Mutter ==> Mutter Suizid). Und deswegen mache ich auch selten Fehler. Das würde ich sagen ist sogar de facto so. Weil ich deswegen nur mit 7382940 Netzen und 21987092308235 doppelten Böden was mache. Und dann gibt es noch die fatale Version von Kritik. Kritik an etwas, wovon ich eigentlich ausschließe Kritik zu bekommen, weil es sehr sinnvoll ist. In dem Fall denke ich das auch möglichst objektiv immer noch.

Ich habe was gemacht, habe mich gefreut, dass vieles geklappt hat, weil das Neuland für mich ist. Habe das angesprochen im Team was ich alles gemacht, aufgesetzt und eingerichtet habe, mit der Erwartung, dass das gut ankam. Kam es aber nicht. Und da setzen die Borderlinemechanismen ein. Zum einen werte ich das als massive Kritik. Die Stimmung ist innerhalb weniger Stunden von total gut auf alles kein Sinn, fickt euch, ich kündige, ich will nicht mehr gesunken. (Trauer und Wut fühlt sich bei Borderline oft so stark an, dass es gefühlt in den Suizid geht und das ist nicht übertrieben). Das nächste Problem ist, da man mit Borderline nicht grad mit einem gesunden Selbstwertgefühl ausgestattet ist (um es wieder mal milde auzudrücken) kommt man da auch nicht mehr raus. Ich fange inzwischen an lieber diese Kritik als „du hast wieder alles falsch gemacht“ zu adaptieren und zu integrieren weil es einfacher ist, wie zu vertreten, dass das alles richtig und ok war, das ich gemacht habe.

Kurzum, mal wieder eine schwierige Zeit. Und wie abartig mich Kritik, die unerwartet und eigentlich rein neutral („neutral“) unbegründet ist trifft.

Soziale Phobie

Eine der Komorbiditäten (Begleitkrankheiten) von Borderline ist/sind Angststörung/en. Vor allem die soziale Phobie als eine mögliche Form der Angststörung. Joa, und da Borderline und Depression nicht reicht befürchte ich, dass mich auch die soziale Phobie nun eingeholt hat. Noch selbst diagnostiziert, aber der Verdacht erhärtet sich.

Soziale Phobie ist generell eine Krankheit, die auf dem Nährboden des geringen/nicht vorhandenen Selbstbewusstseins wächst. Da trifft sich das ja gut, dass das ein Kriterium für Borderline ist. Und dass mein Selbstbewusstsein phasenweise im negativen Bereich ist habe ich ja öfters schon angemerkt. Das war schon immer so, seit ich denken kann. Bei Borderline schwankt das allerdings auch. In den (deutlich seltener auftretenden) Hochphasen kann man kurzzeitig durchaus mal über viel Selbstbewusstsein verfügen. Meistens liegt das aber völlig Brach. Und soziale Interaktionen waren für mich schon immer schwierig. Das gehört auch irgendwie zu Borderline dazu. Soweit alles noch normal. Trotzdem habe ich wenn ich mal in die Interaktion getreten bin mit meiner borderline’schen Schauspielschule wirklich alles sehr souverän geschafft.

Aber seit einigen Jahren ist bisschen was anders. Und zwar wenn ich zurück überlege gab es noch deutlich vor Corona ganz selten den Fall, dass ich bei unerwartetem Smalltalk oder „im Mittelpunkt stehen“ plötzlich einen extrem starken Harndrang verspürte, dass ich so nicht kannte. Zack von jetzt auf Nachher. Wie wenn man eigentlich gar nicht auf die Toilette muss (oder sogar grad eben „normal“ war) und plötzlich kurz vor dem Platzen steht, als würde gleich sprichwörtlich „alles in die Hose gehen“. Ich fand das komisch, machte mir aber weiter keine Gedanken, wird schon weg gehen. Passierte dann noch 1-2 mal und war dann auch wieder gut. Seit geraumer Zeit kommt das aber wieder und zwar viel viel häufiger, im Grunde täglich im Moment. Und nicht nur der plötzliche unerwartete Harndrang, auch weiteres völliges Unwohlsein, völlige Unruhe, Nervosität, was man eben so kennt. Natürlich war es mir auch früher schon völlig unwohl in genau diesen Situationen aber wie gesagt, das ging alles zum Überspielen und außer leichtes Herzklopfen und einer Anspannung (die aber per se auch immer da ist mit Borderline) war körperlich dann wenig zu spüren bzw. habe ich in meiner „Konzentration auf die Situation“ wenig wahrgenommen.

Ich mache mir jetzt doch sehr viele Sorgen weil ich mich auch körperlich überhaupt nicht gut fühle. Deswegen habe ich mal geschaut, woran sowas liegen könnte. Erst dachte ich an eine Inkontinenz. Was zugegeben auch beschissen wäre, weil ich bin halt für sowas dann doch noch paar Jahrzehnte zu jung. Ich bin psychologisch ja inzwischen schon so fit, dass ich psychosomatische Ursachen nicht ausschließe. Und ich glaube das trifft es auch gut. Denn ich achtete nun mal drauf wann ich mich so dermaßen unwohl fühle in allen Belangen inkl. Harndrang. Und es sind IMMER soziale Interaktionen. Mittagessen in der Mensa, sämtliche unsicheren weil unbekannten Interaktionen mit anderen Menschen, wenn ich in Smalltalks was sage etc. Also sehr auffällig. Und vor allem auch auffällig ist, dass das auch dann passiert, wenn ich davor gezielt die Blase entleere und Harndrang dann wirklich unrealistisch ist. Und siehe da, wenn ich mich aus der Situation entfernt habe, ist alles wieder gut und ich muss nicht mehr auf die Toilette. Fall gelöst! Naja nicht ganz. Theoretisch würde schon Urin abgehen, bisschen was ist immer da. Also habe ich mal weiter recherchiert und bin am Ende bei der sozialen Phobie gelandet, bei der sehr viele körperlichen Symptome beschrieben werden, die mir dann doch sehr bekannt vorkommen. Nämlich in meinem Fall vor allem Herzrasen, vermehrter Harndrang und Erröten, wovon bis auf den plötzlichen Harndrang nichts wirklich schlimm ist oder mich je so geschockt hat. Und auch alle anderen psychischen Symptome decken sich sehr gut mit meinem Empfinden und meinen Ängsten in der Alltagsbewältigung. Die psychischen decken sich aber auch generell schon mit der Borderline Persönlichkeitsstörung. Borderline hat außer Anspannung auch eher weniger körperliche Symptomatiken.

Das werde ich jetzt mal irgendwie abklären lassen, denn so wie im Moment geht es nicht weiter. Ich habe schon aus Angst vor diesen Symptomen und daraus folgenden Blamagen Termine abgesagt (wie z.B. Kino mit Freunden etc. weil ich derzeit nicht ins Kino sitzen kann). Und auch beruflich wird das ein Problem. Vor allem wenn Vorträge wieder öffentlich und live sind. Das wird ein sehr ernstzunehmendes Problem. Im Moment undenkbar. Und so bin ich irgendwie froh darum, dass ich weiß, was vermutlich das Problem ist im Moment, auf der anderen Seite auch traurig, weil irgendwie würde Borderline und Depressionen echt reichen!!!!

Vulnerabilität

Vulnerabilität (= Anfälligkeit gegenüber einer Gefährdung) ist ein Teil der offiziellen Vorsorgemaßnahmen gegen Borderline in der DBT. Besser gesagt natürlich die Verringerung der Vulnerabilität dahingehend, dass einem nicht jeder Trigger um die Ohren fliegt. Ein Punkt davon ist z.B. ausreichend zu schlafen.

Letzt Nacht hab ich ewig nicht schlafen können. Und dann bin ich auch noch wieder vor dem Wecker aufgewacht. Und ok, klar ist, wer wenig schläft ist lätschig. Aber heute habe ich auf dem Weg mit dem Auto zur Arbeit gemerkt, dass das auch für Anfälligkeit gegenüber Wut führt. Ich glaube ich hab heute locker 3 Menschen den ernstgemeinten Tod gewünscht und schon überlegt, ob ich dem Gevatter Tod dabei nicht assistieren soll.

Ich hasse es per se, wenn Menschen dicht auffahren, weil sie dumm sind und denken sie hätten alles unter Kontrolle. In der Regel ist es mir dann dahingehend egal, dass ich denke „Darwin macht das schon“ (und hoffentlich NUR die Leute). Aber heute hab ich echt mal überlegt ob ich mal eben in die Eisen treten soll und den Typen hinter mir zu 100% in einen Unfall zu drücken. So wütend war ich heute. Und das erschreckt, weil die Gedanken schon sehr konkret waren und nicht diese normale „in der Wut mal überreagieren“.

Aber auch ganz gut, heute ist es mir ganz klar aufgefallen, dass gerade was nicht richtig läuft. Und dann hab ich mir nur noch gewünscht, dass in paar Jahren ÜBERALL es von Abstandsblitzer so wimmelt und solche Menschen einfach 10000€ Strafe + 2 Jahre kein Führerschein + Führerschein komplett neu machen ereilt. Das wäre was, das würde unsere Straßen wirklich sicher machen, weil das mit dem Reaktions- und Bremsweg und mit der Physik sowieso haben eh viele wohl so gar nicht mehr auf dem Schirm.

Und Abschließend muss ich anmerken, dass ich eigentlich ein tiefenentspanner Autofahrer bin. Das heute sind reine Borderline Mechanismen. Denn auch hier, wenn mir jemand quasi gegen meinen Willen auf die Pelle rückt, ich dann noch durch wenig Schlaf recht anfällig dagegen bin, dann raste ich echt aus!