Badezimmerlektion

Heute morgen ist mir meine Zahnseide heruntergefallen (ja, die Angst vor dem Zahnarzt hat mich in die Arme der wohlwollenden Zahnseide getrieben!). Um den Fall zu verhindern hab ich die Packung mit Ohrenstäbchen runter geworfen. Dadurch habe ich sowohl den Kampf um die Rettung der Zahnseide als auch um die Ohrenstäbchen verloren. Nach erstaunlich kurzem Ärger, fragte ich mich direkt „was heißt das eigentlich fürs Leben?“.

Auf jeden Fall hol ich mir auf der Arbeit erstmal ein Kaffee und suche eine sinnvolle Analogie.

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Borderline ist…

… wenn man nach dem Probevortrag zur Promotion das extreme Bedürfnis hat sich massive Schmerzen zu zufügen um den Druck von soliden 100 zu reduzieren.

… auch, wenn das sogar passiert, obwohl die Kritik vermutlich gar nicht so schlecht war für eine Probe.

… wenn man versucht auf höchstem Niveau zu lernen, die Funktionalität versucht aufrecht zu halten, nebenher mit einem emotionalen Chaos kämpft bis hin zu suizidalen Phantasien.

… wenn ein schier unaushaltbares Gefälle zwischen Innen und Außen herrscht, gegen das ein Tornado erscheint wie ein lauwarmes Sommerlüftchen.

Ja, so fühlt sich die Welt dann an. Nahezu unerträglich.

Und täglich grüßt das Selbstwertgefühl

…. wenn man davon überhaupt sprechen kann. Das würde ja voraussetzen, dass man sowas wie Selbstwert hat. Aber ok, man kann ja auch keinen Selbstwert haben. Klingt eigentlich ziemlich paradox.

Ich habe heute meine Dissertation abgegeben, entgültig. Für mich unglaublich schlimm. Natürlich fragt nun jeder „Und? Fühlt sich doch super an?“ oder „Da fällt jetzt eine riesen Last ab?“. Nein! Nichts dergleichen. Und da unterscheide ich mich dann wieder von Menschen, die sich nicht im Gefühl und in den Emotionen auflösen. Denn für mich ist das schlimm. Es ist eine Höllenqual. Mein Selbstwert kann die Möglichkeit, dass die Arbeit gut ist nicht zu lassen, die Option existiert noch nichtmal. Gibts nicht. Die Arbeit MUSS falsch sein. Irgendwo MUSS ein riesen Fehler drin sein, dass diese Arbeit als Beispiel dafür in die Annalen eingeht, wie man es nicht machen soll. Niemand wird mehr von Karl-Theodor zu Gutenberg sprechen, wenn meine Arbeit erstmal gelesen wurde (ok, ansich ist ja gut, wenn keiner mehr von dem Typen spricht, aber so ist das nicht gemeint).

In der Therapie hatten wir das schonmal besprochen was auch ein Problem ist. Ich „internalisiere“ schlechte Dinge, Erfolge „externalisiere“ ich. Das heißt Misserfolge werte ich als „mein Verdienst“ und Erfolge basieren ausschließlich auf der „Arbeit anderer oder zufälliger Ereignisse in meiner Umgebung“. Und zwar bedinungs- und gnadenlos. Gut ist immerhin, dass ich weiß wie das abläuft bei mir, ändern kann ich es aber nicht. So lange kein Verantwortlicher sagt „die Arbeit ist gut“ ist die Arbeit der Bodensatz wissenschaftlicher Literatur. Und kein Verantwortlicher wird dazu was sagen, denn diese gehen vom Normalfall aus. Eigentlich sollte ein Wissenschaftler zu seiner Arbeit stehen und davon überzeugt sein. Deswegen ist der Vorgang „seine Doktorarbeit verteidigen“ (wie das beim Promotionsverfahren so schön heißt) für ein Mensch mit Borderline unter Umständen ein Oxymoron. Denn ich muss bald vor einer Prüfungskommision das verteidigen, was ich selbst mehr als jede Kommision der Welt anfechte.

Und so gibts für mich nichts quälenderes wie eine fertig gedruckte Dissertation, denn ich kann diese Millionen Fehler die ich da ja sicher drin habe (mein Gefühl) nicht mehr ändern und nach der Abgabe sowieso nicht. Drum hab ich das gestern gedruckt, gebunden und in die Ecke gelegt, nicht mehr reingeschaut. Und seit dem Höllenqualen durchlitten. Und wie immer ausgehalten. Unter Anspannung. Extremer Anspannung. Ne solide, glatte 100 auf der Spannungskurve.

Allen Menschen die es unverständlich finden, dass sich Menschen selbst verletzen, dass ist so eine Situation wo sowas durchaus denkbar gewesen wäre/passiert wäre, denn kein Schmerz kommt nur im geringsten an diese Art von Druck und Qual ran. Und nach dem Beinbruch in diesem Jahr sage ich das trotzdem. Gestern hätte ich nichtmal gemerkt, dass ich mir das Bein gebrochen habe 😉

Horror Show

Für mich eine der schlimmsten Dinge: Ungewissheit, Unsicherheit, Kontrollverlust. „Dinge offen lassen“.

Aktuell liegt meine Arbeit bei Referent und Korreferent zur Korrektur, bisher habe ich noch kaum Feedback erhalten und von Tag zu Tag wird es schlimmer, das innere Resümee, das innere Feedback. Das Gefühlschaos in mir, das es gilt irgendwie im Zaum zu halten.

Wie macht sich das konkret bemerkbar? Meine Meinung von bzw. mein Gefühl zu meiner Dissertation schwankt teilweise im Minutentakt zwischen

Das war doch gut, das wird schon passen und klappen, bald hast es geschafft. Noch zwei kleine Texte schreiben, dann die Korrekturen einbauen, abgeben, fertig.

auf der einen und nem pseudosuizidalen, destruktiven, gnadenlosen und extremen

hau einfach ab von dieser Arbeitsstelle, von diesem Ort, von diesem Land. Am besten ganz weit weg, irgendwohin, wo dich keiner findet und vergiss dass du jemals so ein Dreck abgegeben hast. Sibirien soll ganz schön sein. Oder noch besser, verschwinde am Besten ganz aus dieser Welt, dann kannst du nicht mehr sowas anrichten, was du als Dissertation bezeichnest

auf der anderen Seite.  Für mich zudem fürchterlich, wenn andere die Kontrolle, die Macht darüber haben (in diesem Fall die beiden Referenten) um mich zu beurteilen. In normalen Fällen würde ich dem ganzen direkt den Wind aus den Segel nehmen und die folgenden destruktiven Strategien anwenden um radikal an die Kontrolle zu kommen:

  1. Weglaufen und nicht wieder auftauchen
  2. Mich mit den Referenten dahingehen anlegen, damit sie mich schon vor Bewertung der Arbeit in den Wind schießen.
  3. Mich anderweitig schädigen um das psychische Leiden abzumildern.
  4. Manipulation im Allgemeinen, häufig in Tateinheit mit Rachegedanken.
  5. Mich gedanklich selbst abwerten und „darauf vorbereiten“, damit die Wirkung einer schlechten Beurteilung der Arbeit bereits mehrfach vom Gefühl durchlebt wurde und nicht zum Kontrollverlust führt (unabängig ob dies der Realität entspricht oder nicht).
  6. In Schockstarre verfallen. Dissoziieren. (Phasenweise auch ein Problem)

Im Moment ist davon mehr oder weniger nur Punkt 5 möglich und läuft daher häufig ab. Die anderen muss ich versuchen zum Griff zu behalten um möglichst wenig Schaden anzurichten. Aber es ist gleichzeitig auch brutal anstrengend. Und so steh ich dermaßen unter Druck zwischen den zwei eingangs erwähnten Meinungen über die Arbeit, dass ich diesen irgendwie reduzieren muss, denn nur ein Nadelstich und ich würde wie ein Luftballon platzen (vom Gefühl). Und dieser Druck sollte kontrolliert abgelassen werden, keinesfalls mit Selbstverletzung, Alkohol o.Ä. Und hier weiß ich aktuell wieder kaum weiter!

Bekomme ich dann Feedback, dass die Arbeit nicht gut war, droht prinzipiell trotzdem eine Welt zusammenzubrechen, obwohl ich versuche mich darauf seit Tagen innerlich  vorzubereiten.

 

 

One moment in time

Eigentlich müssten heute viele Sachen festgehalten werden. Heute fühlt sich alles sehr skuril an.

Ich habe meine erste Version der Dissertation gedruckt, natürlich der schlechtesten Dissertation der Welt. Fahre zum abholen. Die Sonne scheint. Völlig kitschig läuft im Radio

 

Ich denke nur „och ne, echt jetzt? Das soll wohl nen witz sein? Oh die Ampel war rot….“

Hole die Diss ab, bringe sie zum Binden. Dort abgegeben irre ich verplant ohne Ziel durch die Stadt. Weiß gar nicht was ich machen soll, weinen, jubeln, den Mülleimer nehmen und in den drecks Starbucks werfen, jemand umarmen? Oh, eine Lottoannahmestelle! Erstmal Glücksspirale spielen, Berufsziel: Sofortrente.

I waant oooneee moment in tiiiimme……!

 

1, 2 oder 3 ….

letzte Chance….VORBEI! Als Kind habe ich das öfters mal angeschaut. Und muss heute noch oft darüber nachdenken. Eine Kindershow. Wo man sich entscheiden muss. Für mich wäre das der Horror gewesen. Ich glaube ich würde immer noch zwischen Lösung 1, 2 oder 3 auf und ab hüpfen, lange nachdem die Reinigungskraft das TV-Studio schon verlassen hat.

Entscheidungen treffen, auch heute noch schier unmöglich für mich. So auch im Moment, wo ich dabei bin mir ein Auto zu kaufen. Da aufgrund des Skiunfalls erstmal nicht klar ist, wann ich wieder Rad fahren kann, bleibt mir leider kaum was anderes übrig. Oder sagen wir mal so, für ÖVIs bin ich zu faul und zu bequem, denn damit brauch ich rund 1h zur Arbeit (für 10km) wofür ich mit dem Rad immer ~25-30min gebraucht habe.

Und jetzt hab ich die Wahl zwischen drei Autos. Und jetzt gehts los. Das übliche völlig absurde Chaos. Und jede Minute, 60 Mal pro Stunde, 24 mal am Tag bin ich völlig überzeugt von DEM EINEN Auto, zwar jede Minute von nem anderen, aber es ist dann immer klar wie Kloßbrühe. „Das passt perfekt, das gönn ich mir, auch wenn ich finanzieren muss, denn es soll MIR ja auch Spaß machen.“ 25 Sekunden später: „Eigentlich bin ich ja mehr so der Typ, billiges Auto und sich nicht drum kümmern, klar nehm ich das hier, kann ich mir auch ohne Finanzierung leisten“.  Nach weiteren 50 Sekunden, „Boah! Dit is ne Audi!!! Der is dazu billig und den verkof ik in 3 Jahren für fast dit selbe! Nehm ik!“ (Dialekt ist nur aus Jux und Tollerei hier eingeflossen, bin kein Berliner, aber ich mag Audifahrer irgendwie nicht, denn das sind zu 75% die Lichthupendrängler auf der Autobahn und dazu bin ich wieder leicht sarkastisch veranlagt.).

Und dahinter steckt mal wieder ein und derselbe Mechanismus gepaart mit  ein  und derselben, existenziellen Angst. Eine falsche Entscheidung hier ist fatal, löst eine Katastrophe aus, stürzt mich ins Chaos und ist lebensbedrohlich. Wie als Kind halt auch. Dabei geht es eigentlich nur um ein fu##in Auto!

Und da es so schwer ist, das alte Gefühl aus den Situationen heute zu entfernen, hüpfe ich zwar engagiert aber auch frustriert weiter zwischen 1, 2 oder 3 hin und her und hin und her und…….